Das Kommando grantelt

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  • November 3, 2013

Und das nicht zu knapp.
Am Freitag sollte das nunmehr fünzehnjährige Bestehen des Kommando Mardermann standesgemäß und zeichensetzend begangen werden.
Was also lag näher, als sich zu diesem Anlass in Bochums derzeit meistbesprochener Neueröffnung, dem www.franzferdinand-bochum.de rechtzeitig einen gediegenen Zweiertisch zu reservieren?
Schließlich hatte man bereits hier und da vernommen, dass im „Sehnsuchtsort“ (O-Ton Homepage) mit Blick auf den Tierpark verantwortungsvoll mit dem Taschengeld der Gäste umgegangen wird.
Nachdem wir in bester Feierlaune erfolgreich einen schlechtgelaunten Taxifahrer (Abendrobe und botanische Nachtwanderung vertragen sich im Herbst nicht!), Horden von untoten Tierparkbesuchern (Halloween!) und ein Baustellen-Nadelöhr (was soll’s denn mal werden?) überwunden hatten, schätzten wir uns glücklich, am Ziel zu sein.
Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters, aber die Neugestaltung der Traditionsgaststätte übte durchaus einen gewissen Reiz auf uns aus. Ob die blauplüschigen Sitzgelegenheiten im Speisesaal dauerhaft rückenfreundlich sind, sei mal dahingestellt. Gut ausschauen tun sie schon. Genauso wie die Wandverkleidung, die einen, mit ein wenig Pech, an ein Seventies-Dekortrauma erinnern kann.
Wie gesagt, schön ausschauen tut’s schon.
Befremdlich dann die erste haptische Erfahrung bei Tisch. Das Besteck im lokalpatriotischen Grubentuch, sehr hübsch aber was soll diese Tischbedeckung? Die erinnert irgendwie an was zwischen Inkontinenz-Matrazenauflage und teflonbeschichtetem Bügelbrettbezug in gediegenem anthrazitgrau.
Lässt man’s hier derart krachen, dass angemessen regelmässiges Wechseln koventioneller Tischwäsche ein nicht zu verantwortender Kostenfaktor wäre? Mhm, wer weiss das schon?
Wir indes, willens, Kleinigkeiten solche sein zu lassen, orderten Champagner, der nun wirklich hervorragend war.
Derweil grüßte auch die Küche mit einem Körbchen Brot und Liptauer-Aufstrich, das Brot von überzeugender Qualität, der Aufstrich eher verhalten gewürzt.
Da es beim Hauptgang etwas opulenter zugehen sollte, entschlossen wir uns, bei der Wahl der Vorspeise bescheiden zu bleiben.
Wir wählten eine kleine Knauzenvariation mit dreierlei Aufstrich (scharfes Ei, Matjes und Paprika), wovon jeder uninspirierend, um nicht zu sagen nach Convenient-Food schmeckte. Schade eigentlich.
Mithilfe eines ausgezeichneten Blanc de Noir sowie eines wirklich guten Grünen Veltliners konnten wir nennenswerte Stimmungseinbußen ohne Probleme verhindern.
Beim Hauptgang allerdings mussten wir uns leider sehr auf die lindernde Wirkung des Weines verlassen.
Das Wiener-Schnitzel (vom deutschen Kalb mit Erdäpfel-Vogerlsalat zum Preise von 21,80€) war schlichtweg eine Enttäuschung. So schmeckt kein frisch paniert und ausgebratenes Kalbsschnitzel und so darf es bestenfalls in einer ambitionierten Betriebskantine schmecken (das dann allerdings nicht zu dem Kurs). Der Kartoffelsalat war mit ein paar Feldsalatblättern garniert und so fade, dass es schon fast wieder eine Kunst ist.
Der Tafelspitz (als Spezialität des Hauses annonciert) wurde vom Kellner zwar in epischer Form anmoderiert, entpuppte sich jedoch als äußerst prosaische Angelegenheit.
Das Gericht wird in der Tat mit viel Getöse liebevoll serviert. Obacht, wer, wie wir nur einen Zweiertisch zur Verfügung hat, stellt sich selbst und das Personal ob der vielen Töpfchen, Kännchen, Körbchen vor eine logistische Herausforderung!
Die Brühe, in der das Fleisch serviert wurde schmeckte sehr gut. Das Fleisch selber war leider unpassend fest. Das Brot, mit dem das Mark aus dem mitservierten Knochen (als Topact anmoderiert!) aufgenommen werden sollte, wurde leider erst auf Nachfrage serviert.
Besonders bedauerlich war die Tatsache, daß das Knochenmark blutig war.
Nein, ich habe nicht gefragt, ob man sich einen Halloween-Scherz mit uns erlaubt, ich habe nur höflich gefragt, ob das vom Koch so gemeint ist.
War es laut herbeieilender Kellnerin selbstverständlich nicht. Der Knochen wurde flugs in die Küche zurück speditiert und muss dort wohl einer eingehenden Obduktion unterzogen worden sein.
Der Geschäftsführer höchstpersönlich unterrichtete uns nämlich von dem Ergebnis: man habe den Knochen genauestens untersucht, finde keine Erklärung für das Phänomen und forsche daran.
Aha!
Nein, ich wollte kein neues potenzielles Forschungsobjekt, hätte allerdings einen Obstler oder vergleichbares auf Kosten des Hauses akzeptiert.
Da niemand dahingehende Anstrengungen zu machen gedachte, zogen wir a) einen persönlichen Schlußstrich unter das Kapitel „des Kaiser’s neue Küche“ und b) grantelnd durch den Stadtpark von dannen.
Vielleicht schauen wir im nächsten Sommer mal wieder auf einen Gspritzen auf der Terrasse vorbei, nicht ohne vorher zuhause eine Kleinigkeit gegessen zu haben, versteht sich.

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