Das Leben, wie es sein sollte

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  • Mai 26, 2011
Wenn ich so darüber nachdenke, gestaltet sich unser Leben zur Zeit dermassen vorbildlich und harmonisch, dass es nachgerade danach schreit verfilmt und unbedingt zur besten Sendezeit im Öffentlich Rechtlichen ausgestrahlt zu werden. Sind es nicht solche Momente, die uns mit Freude und nicht zuletzt grosser Demut dem Schicksal gegenüber erfüllen?
Eben erst wähntest du dich im tiefsten Tal der Finsternis, ein Tag schien wie der andere, wenn nicht gar schlimmer. Bereits beim Aufstehen hast du dich gefragt, welches Bauunternehmen und vor allem von wem für die Errichtung der zusätzlichen Wände um dich herum beauftragt wurde. Das muss doch schliesslich alles bezahlt werden, Herrschaftszeiten! Du hast dich gefragt, ob die Anschaffung einer Designernarrenkappe wirklich und wahrhaft nötig gewesen wäre und ob du nicht auf die zusätzliche Tarn-unsichtbarversion hättest verzichten sollen. Dreimal täglich hast du Telefonanschluss und Mailaccount auf Unversehrtheit überprüft, nur um festzustellen, dass tatsächlich niemand mit dir in Kommunikation zu treten gedachte. Potenziellen Kunden, die dich dann doch samstagabends um halb acht angerufen haben, um mal zu fragen, „wie das denn so ist mit deinem Angebot“, konntest du selbst unter Auferbietung sämtlicher humanistischer Bildungsressourcen kaum mehr Wertschätzung entgegenbringen. Jedem Zeitgenossen, der, von was auch immer motiviert, danach trachtete, dein Selbstwertgefühl zu attackieren, konntest du frohen Mutes verkünden, dass es sich um vergebene Liebesmühe handelt, da es nichts mehr gibt, was es zu attackieren gälte.
Hach, und dann kommt der Tag der Wende. Du stehst auf und weisst, dass dein Vermieter der verantwortungsvollste Mensch auf der nördlichen Halbkugel ist. Du weisst, dass der Lohn deines enthaltsamen Lebensstils die Size Zero Jeans sind, die vor drei Jahren zuletzt gepasst haben. Weil das den neidvollen Blicken der Schwiegertochter deines Vermieters natürlich nicht verborgen geblieben ist, hast du guten Grund, auf ein unbefristetes Mietverhältnis zu hoffen. Schliesslich ist sie die einzige, die dem im Wege stehen könnte, uns aber auch leider aufgrund chronischer neurologischer Indispositionen vorzeitig (in welche Richtung auch immer) verlassen wird.
Du spürst, dass die Vereinigung mit dem Universum nur noch ein kleiner Schritt ist und du in Bälde sogar verstehen wirst, was Ursula von der Leyen im tiefsten Inneren antreibt. Du stellst mit Genugtuung fest, dass auf den Strassen deiner Stadt für Recht und Ordnung gesorgt wird und dass der Plattenhändler des Vertrauens sich bester Gesundheit erfreut. Ein Blick in deinen Terminkalender bestätigt, dass dein Leben in den nächsten Monaten eine Aneinanderreihung von Parties sein wird und der Erlös deinem Kosmetikbudget ein ungeheueres Volumen verleihen wird.
Jau, und was man, derart euphorisiert an so einem Tag kochen kann, erzähl ich dann morgen!

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