Die Luft ist raus

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  • August 26, 2011

Ich hab keine Lust mehr auf Foodblogging, jedenfalls im Moment.
Mag sein, dass das mit meinem neuen Leben zu tun hat, kann aber auch sein, dass sich die Ursachen reziprok zueinander verhalten. Wie auch immer. Wenn man feststellt, dass die Abstände zwischen den einzelnen Posts immer grösser werden und diese Tatsache nicht zwingend auf Zeitmangel zurückzuführen ist, stellt man sich die eine oder andere Frage, oder?
Ach, fast vergessen: ich hab auch kaum noch Lust, Foodblogs zu lesen.
Kurz gesagt, ich habe begonnen, mich zu langweilen.
Wohlgemerkt, bei allem, was ich jetzt anmerke, gilt die unumstössliche Regel, dass die Ausnahme die eben erwähnte bestätigt.
Die ursprüngliche Idee hinter diesem Blogsegment war die, zu zeigen, dass man mit einer gesunden Mischkalkulation ein meist schmales Budget souverän kompensieren kann, ohne an erwähnenswerten Mangelerscheinungen zu erkranken. Nicht mehr und nicht weniger, quasi Alltag mit Grips. (An dieser Stelle erlaube ich mir, mich selbst zu zitieren: „ Wennse keine Kohle has und auch noch blöd bis, hasse n echtet Problem!“)
Zwangsläufig begibt man sich dann erstmal in das, was die Szene genannt wird, so auch ich.
Da ist dann gerne mal von „uns Kochverrückten“ die Rede. Herrje, gut und schön, wenn man sich ein paar achtsame Gedanken um das, was man zu sich nimmt macht. Aber muss das denn gleich in den Bereich geschlossener klinischer Pathologie gerückt werden? Ich hatte mal ne Pflegemutter (nein, nicht meine Adoptivmutter!), die 5 eigene Kinder plus meiner Wenigkeit plus Ehemann plus festangestellten Handwerker jeden Tag in ihrer einstündigen Mittagspause frisch! und hervorragend bekocht hat. Die hätte sich nie als Kochverrückte bezeichnet, die hat nachem Essen nen Kaffee und nen Brandy getrunken, hat zehn Minuten die Füsse hochgelegt und is wieder arbeiten gegangen.
Das einzige, worüber die sich ernsthaft Gedanken gemacht hat, waren wir, die zu faul waren, die Spülmaschine ein-und auszuräumen, Alltag eben.
Das mit den „Kochverrückten“ ist aber noch harmlos gegen die „ wir Foodies“ Bezeichnung.
Ich mein, gibt es etwas, was mehr nach „wir Teletubbies“ klingt als „wir Foodies“?
Und dann die vielen possierlichen Kürzel für Partner, Familienmitglieder, Onkel, Tanten etc., deren Anonymität (der B., die X., das Y….) selbstverständlich geschützt werden muss. Für den Fall, ein international renommierter Sicherheitsdienst könnte sich mal auf das Blog verirren. Nur, warum sollten sich solche Leute dorthin begeben, wo es wie in einem Kalle Blomquist Fan Club zugeht?
Sehr bemerkenwert auch die Rankingdiskussion, die selbstverständlich! keinen! Menschen wirklich interessiert, dennoch mit der Zuverlässigkeit der Bundesligaergebnisse kommuniziert wird.
Herrschaftszeiten, wenn ihr darauf hofft, dass beispielsweise die Herren und Damen Du Mont bei euch mitlesen, dann steht doch dazu, is doch kein Ding!
Ach, ja, da scheint es dann auch neuerdings den Tatbestand der Foodblogkriminalität zu geben, Datenklau oder, wie man früher gesagt hätte: Mundraub. Im Ernst, Wikileaks ist ne VHS Truppe gegen das, was inzwischen im Bereich des Foodbloggings mobilisiert wird. Man könnte meinen, es ginge wieder einmal um die Dekonstruktion des Pentagon. Klar, ist sowas ärgerlich, aber der Ruf „hängt ihn/sie höher!“ sollte doch eher der Vergangenheit angehören, oder!?
Leute, mit allem Respekt, die Kuh in Somalia ist noch lange nicht vom Eis, und ihr haltet öffentliche Tribunale über Menschen ab, die n Photo vonner Frikadelle woanders geklaut haben, ab!?
Nur zum Verständnis: ich bin kein geborener und auch sonst kein Gutmensch, ich find Luxus klasse, ich bin auch schon mal zu faul, mich zu bücken, wenn ein Tetrapack aus Versehen im Restmüll landet und ich konfrontiere meine Umwelt mit der Tatsache, dass ich früher sterben werde.
Aber ebenso bin ich eine grosse Anhängerin der Kirche, die im Dorfe gelassen wird.
Tja, das war’s für heute denn auch mal!

About ralf

4 Comments

  • Wortteufel sagt:

    Das klingt so gut in meinen Ohren (uffe Augen?), dass ich frohlocken möchte.

    Hör doch einfach auf mit der Foodbloggerei. „Foodies“ ist so was, was ich eh nicht lesen kann. Und diese Gourmettenszene, die sich selbst zelebriert, hat mich vor einiger Zeit erbrechen und abbrechen lassen.

    Mittlerweile schreiben wir nur noch Gerichte auf, deren Rezepte wir nicht vergessen wollen. So als Onlinenachschlagerezeptebuch, weil die vier Ordner mit Ausdrucken hier verschimmeln vor Langeweile.

    Langeweile. Ja. Die macht sich breit.

    Dagegen hilft nur, was anderes zu machen. Musik. Oder Sport. Oder mal nach Hessen fahren, um andere Gelangweilte zu treffen. Oder so. Wäre das nicht was?

    Wein ist immer da.

  • Genießer sagt:

    ‎“Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“ Kurt Tucholsky (schomma gepostet)

  • Was nach eigener Erfahrung und Untersuchung mit deiner Vernunft übereinstimmt
    und zu deinem eigenen Wohle und Heile wie zu dem aller anderen Wesen dient,
    das nimm als Wahrheit an und lebe danach.

    Gautama Buddha (ca. 563-483 v. u.Z.)
    In diesem Sinne, ich!

  • Claus sagt:

    Nie mehr??? Och komm´…

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