Durchnander oder die Antwort auf meine Gebete

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  • Oktober 19, 2009


Nachdem wir uns nun schon in erklecklichen Maße mit den erfreulichen Aspekten des Lebens befaßt haben, finde ich es an der Zeit, auch einmal einen Blick auf dessen Schattenseiten zu werfen.
Ich möchte mich heute ( und dann nie wieder!) den Momenten widmen, in denen die Kochkunst quasi ihre Fratze offenbart. Da ich in diesem Punkt über profunde Erfahrung verfüge, sehe ich mich nachgerade berufen, dieses abscheuliche Thema anzuschneiden. Sollte ich im Folgenden irgendjemandem zu nahe treten, so darf dies als meine vollste Absicht betrachtet werden,!
Meine frühe und etwas spätere Kindheit war eine nicht enden wollende Aneinanderreihung kulinarischer Beinahearmaggeden, die es machte, daß ich mich bereits in sehr zartem Alter an eine höhere Gottheit wandte.
Meine Gebete waren vergleichsweise bescheiden, flehte ich doch nur um ein absehbares Ende jener gustatorischen und auch olfaktorischen Via Mala.
Wo ich aufwuchs, dienten Mahlzeiten der Nahrungsaufnahme und dem Thematisieren von Konflikten, womit keineswegs Gespräche gemeint sind.
Im nachhinein vermag ich nicht zu sagen, ob die frostige Atmosphäre Resultat des üblen Essens war oder die Hausfrau, das Kommende erahnend, ihre Bemühung unter die Toleranzgrenze schraubte…sei’s drum..
Nachhaltig erinnere ich mich an immer die selben Eintöpfe mit reichlich fettem Schweinefleisch, die mit den Worten: „ab heute gibt’s in der Woche nur noch Durchnander“ eine Drohung darstellten und wohl auch so gemeint waren.
Dann gab es jenes Menue, vorzugsweise freitags gereicht, das eigentlich nur die Tat einer vom Wahne umfächelten Köchin gewesen sein kann: eine üppige Portion warmer Schokoladenpuddingsuppe gefolgt von einer noch üppigeren Portion Bratkartoffeln. Ja, ich meine genau in dieser Reihenfolge! Unnötig zu erwähnen, daß die Nichtbewältigung der Bratkartoffeln Sanktionen, also noch Schlimmeres, nach sich zog…
Nie wirklich ganz vergessen können werde ich auch die Schweineleber, zum Verbiegen trocken gebraten an Kartoffelbrei aus der Tüte; beides brachte einen gefährlich nah an den Zustand der Dehydrierung, der nur durch zähen Überlebenswillen überwunden werden konnte.
Diese Liste ließe sich noch eine ganze Weile, allerdings auch nicht beliebig lang fortführen, verfügte die Hausfrau doch über ein stark begrenztes Repertoire.
Aber jetzt soll mal gut sein!
Ich weiß nicht, ob der Mangel an fotografischer Dokumentation zu bedauern ist, was ich aber weiß:

Meine Gebete sind erhört worden!

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3 Comments

  • Möglicherweise bin ich in der gleichen Gegend aufgewachsen. Bei mir sah die Esslandschaft ähnlich schrecklich aus, was dazu führte, dass ich allgemein als schlecht essendes Kind galt. Ich wurde sogar zur Kinderlandverschickung gebracht, ins Zonenrandgebiet. Fatalerweise war dort das Essen noch schlechter, sodass das nachhause kommen fast schon eine Gnade war.

  • Geniesser sagt:

    Ich glaube, jeder von uns hat mehr oder weniger intensiv die oben geschilderten Erfahrungen gemacht und versucht, sich ihnen durch die Flucht nach Pommes rot-weiß, zur Currywurst oder meinetwegen an den globalen Wok zu entziehen. Ein Akt des Erwachsen-Werdens ist es aber, solche Erfahrungen nicht mit den Gerichten oder dem gemeinsamen Essen zu verbinden. Zur Versöhnung empfehle ich meine Rezepte „Gestern bei Mama“, alles aus besten Zutaten und super lecker. Die koche ich samstags für meine 93-jährige Mutter, der das Selber-Kochen zu anstrengend geworden ist und die sich nicht ausschließlich mit Fertiggerichten und Essen auf Rädern ernähren will. Allerdings: Undank ist der Welten Lohn. Ich mache es nie richtig, obwohl sie immer alles aufisst.

  • leuchtturm65 sagt:

    Also, nun … dieser Eintrag nötigt nun auch mich geradezu dazu, hier mal ein wenig Senf zu reichen … ich sach nur „Erbseneintopf mit Pfötchen“ … mit dem Anblick des in grüner Pamperlake schwimmenden Schweinefußes verlor ich als Kind meine Unschuld und jegliche Illusion … ist schon anders wenn man so das Tier als solches noch erkennt, wo unsere Kinder ja anscheinend denken, das Fleisch für die Burger wächst in Lieferwagen mit nem großen „M“ drauf. Nicht, dass das schon das schlimmste einschneidende Erlebnis meiner Kindheit gewesen wäre, nein, es gab noch etwas viel gruseligeres …
    Heiligabend … voller Vorfreude saß ich, noch ahnungslos was mich in den nächsten ein bis zwei Stunden für ein Martyrium erwarten würde, in meinem Zimmer und war schon sehr gespannt auf das Christkind. Wie immer kam das Christkind ja erst, wenn wir gegessen hatten (hab mich immer über seine Pünktlichkeit gewundert, wo es doch so viele Kinder beschenken musste). Meine Mutter stellte dann den Topf auf den Tisch und ich verlor sofort alle Farbe im Gesicht … Linsensuppe! Heiligabend und Linsensuppe passte für mich genau so wenig zusammen wie Kniestümpfe (in Lackschuhen) und Winter. Und ich bin heute noch davon überzeugt, dass meine Eltern mich damit absichtlich quälen wollten weil sie wussten, dass ich Linsensuppe nie aufesse, nun aber das Druckmittel „sonst kommt das Christkind nicht“ ausprobieren wollten. Als alle schon mit dem Essen fertig waren, saß ich immer noch da mit meinem nicht leeren Teller. Nun wurde auf mich eingeredet … alle Riegel wurden gezogen, auch der des „schlechten Gewissens machen“, weil sonst ja für alle anderen das Christkind auch nicht käme. Nun, was soll ich sagen … ca. 45 Minuten hat die Folter gedauert … vor mir meine Oma, die mir einen Löffel nach dem anderen, unterbrochen von mehrmaligem Würgen, in den Mund schob. Mir war das Christkind mittlerweile sowas von egal … ich wollte das alles nur irgendwie überleben.
    Lach … hab ich dann ja auch, wie ihr seht … um der Nachwelt zu sagen … quält eure Kinder nicht mit dem Essen, denn als Folterinstrument ist es nicht gedacht 😉
    Anzumerken wäre noch, dass ich sie trotzdem noch … bzw. wieder esse, aber immer mit Essig!

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