Frau Mardermann geht einkaufen, ein Protokoll

  • 0
  • Januar 22, 2010

Gestern war Behördentag, und wer so tapfer, furchtlos und souverän mehrfach das Böse geschaut hat, erwirkt somit das Recht, den Rest des Tages den lieben Gott ’n guten Mann sein zu lassen.
Also erstmal Herrn Mardermann in seiner Schreibstube einen Besuch abstatten, bisschen Zerstreuung hat noch keinem geschadet. Dummerweise wird die gute Stube, da inmitten der Bochumer Gastroszene angesiedelt, von irgendwelchen Schlingeln, die sich des gemeinen Bratfettes reichlich bedienen, grosszügig mitbeduftet. Drei Minuten Flachatmung reichen mir, der Kommander muss sich ohne mich zerstreuen. Der erst kürzlich eröffnete LIDL ist auf der anderen Strassenseite- herrgott, warum nicht mal reingucken, ist ja schliesslich nicht verboten. Bestens legitimiert mit dem Auftrag, 2 (in Worten: zwei) Birnen mitzubringen.
Erstmal die Trottelnummer: wo ist denn hier der Eingang? Eine freundliche Kundin in den besten Jahren gibt Auskunft, ich weiss Bescheid und bin bereits verunsichert, nur mit Einkaufstasche und eindeutig un(ter)motorisiert fühle ich mich auf dem Weg zum Entree, der über den weitläufigen Parkplatz führt, wie eine Komparsin, die später sowieso rausgeschnitten wird.
Die Grösse der Einkaufsvehikel deutet schwer darauf hin, dass hier niemand wegen zweier Birnen einkehrt (Körbe gibbet nich). So schieb ich dann mit dem Riesending los,vielleicht kommt mir ja ne Idee für’s Abendessen…
To cut a short story even shorter: Wie kann man, ich meine mich!, auf die Blödsinnsidee verfallen, in einem Lidl, nur weil er quasi im Zentrum der „Viktorianischen“ Kreativwirtschaft liegt, etwas zu entdecken, was es in anderen Filialen nicht gibt?
Ich trolle mich also beschämt, ohne Inspiration, immerhin, die zwei Birnen kriegt er, der Kommander.
In bester Wanderlaune beschliesse ich, Meter zu machen und begebe mich Richtung Alleestrasse zu Edeka. Schlieslich hatte ja auch ich Mitte November gelobt, beim Erhalt von Bochums kulinarischer Einkaufsbereicherung ordentlich mitzuwirken.
Obst und Gemüse werden nach wie vor adrett präsentiert, allerdings ohne grosse Überraschungen, was Regional- oder Bioorientierung betrifft.
Wie beim ersten Besuch fällt mir auf, dass, wer die Einsamkeit beim Einkauf sucht, hier genau richtig ist, fürchte allerdings, dass es sich hierbei nicht um’s Geschäftskernkonzept handelt. Etwas kritischer als beim letzten mal betrachte ich auch das restliche Angebot und stelle fest, die Möglichkeit, zwischen ca. 35 Sorten eingelegter Gurken oder Magermilchjoghurts zu wählen, ist dann doch nichts, was mich persönlich wirklich glücklich macht.
Egal, inzwischen ist frischer Fisch mein Plan der Wahl, ich lass mich nicht weiter irritiern und steuere direkt auf die Theke zu und- – – bin dann doch wieder irritiert: ein Pulpo liegt zur Ansicht bereit, Doraden stehen aufrecht im Eis und sehen doof aus, Zuchtfisch soweit das Auge reicht (ein Auge reicht tatsächlich für das magere Angebot), bis auf ein paar Sardinen das übliche 0815. Am meisten aber stört mich die Tatsache, dass keines der Herkunftsschilder beschriftet ist. Ich will niemanden ärgern, wüsste trotzdem gerne, woher die Sardinen kommen, fragen kostet ja nix. Beflissenes Blättern der zuvorkommenden Verkäuferin in einem imposanten Ordner führt zu keinerlei Erkenntnis und etwas Missmut meinerseits. Ich cancele die Fische, schaue noch pro forma in die Fleischtheke, die aber auch nur das allerorten übliche hellrote, magere Rindfleisch beherbergt (Schwein interessiert mich nicht und Fleisch wollte ich gestern sowieso nicht). Nicht schon wieder die Zweibirnenummer, denk ich und kaufe einen Topf normannische Salzbutter und Joghurt, der beweist, dass ich eine gute Mutter bin.
Ich weiss immer noch nicht, was ich kochen soll und sozial vakuumiertes Einkaufen macht mir keinen Spass. Also tue ich das, was ich schon zu Anfang hätte tun können: ich gehe zum Italiener um die Ecke, sage: „Salvatore, ich weiss nicht, was ich kochen soll, aiuto! „
Salvatore: „Mach Pasta mit Artischocken (spricht’s und holt 4 Stück aus dem Hinterraum), mit Tomaten und Knoblauch.“ Dann erklärt er mir zum x-ten Mal, wie ich die Teile zerpflücke, erklärt mir haarklein das Rezept, sucht mir reife sizilianische Tomaten raus, sagt mir, dass kurze Pasta am Besten dazu passt und: ich bin glücklich!
Das Ganze ist selbstverständlich nur ein höchstpersönliches Einkaufsprotokoll, erhebt somit keinerlei Anspruch auf irgendwas. Lediglich sei mir gestattet, darauf hinzuweisen, dass mitunter nicht nur das gemeinsame Essen, sondern auch der Einkauf Ergebnis gut funktionierender sozialer Strukturen sein kann.
Gezz abba: Pasta mit Artischocken

Artischocken von den harten Blätter befreien, das Nest herausschneiden und achteln, sofort in Zitronenwasser legen, Stiele mit Sparschäler schälen, in kleine Würfel schneiden, auch ab in’s Wasser.

Tomaten und eine Schalotte in kleine Würfel schneiden, Knoblauch hacken.
Artischochen abtropfen lassen und sanft!!! in Olivenöl andüsten, nach ca. 10 Minuten Tomaten, Knoblauch und Schalotte dazu, sanft weiter dünsten, nach und nach Wasser dazu, Salz und Pfeffer, immer wieder abschmecken (mein Eindruck: die ganze Geschichte kann jede Menge Salz vertragen, also keine falsche Zurückhaltung!). So kann’s dann schon gute 45 Minuten gehen bis die Artischocken einigermassen zart sind. Mich hat gestern die Säure der Tomaten gestört, deshalb hab ich mich kurz vor Schluss für eine Prise Zimt entschieden (Psst. nicht Salvatore sagen, er muss ja nicht alles wissen). Gekochte Pasta mit dem Gemüse vermengen, etwas gehackte Petersilie und Parmesan drüber, fertig!
Fazit: Schluss mit der ganzen Winterküche, ab jetzt wird wieder leicht und frisch gekocht. (Anmerkung: Artischocken sind saisonal und weil Salvatore mein Nachbar ist, auch regional, basta!)

About ralf

3 Comments

Leave a Reply

Your email address will not be published.

Current ye@r *