Google Streetwear

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  • August 22, 2010

Grundsätzlich bin ich eher mit einem langmütigen Naturell ausgestattet. Das bedeutet zum Beispiel, dass man mir mitunter sehr lange mit Unfug auf den Senkel gehen kann, bevor ich das Attest „arme(r) Irre(r), kann nicht anders“ in eine knallrote Karte mit der Aufschrift „halt die Fresse, Arschloch!“ umwandele. Da ich aber der Meinung bin, dass auch der grösste Depp Anspruch auf Würde und Selbstachtung hat, verlassen solche Sätze selten das Universum meiner Gedanken.
Das mal dazu.
Was mir im Moment nicht wenig auf den Senkel geht, ist das kollektive Aufkröppen gegen das Google Strassenprojekt. Juchu, endlich mal wieder ein Fall für das einfache „mit uns könnset ja machen“ Gemüt! Und weil das Ganze ja auch noch irgendwie mit Sateliten zu tun hat, kann man getrost das geliebte „die da oben“ dranhängen.
Herrlich, da fordert eine Stadt, für die sich wirklich kein Schwein (und schon garnicht Google) interessiert, 20 Euro pro fotografiertem Kilometer! http://www.ruhrbarone.de/google-will-herne-nicht/
Brave Bürger verwehren sich gegen die Verwertung der Aufnahmen von Haus, Grund, Balkon, Auto und Umzäunung. Steckt dahinter am Ende die Angst vor der etwas unorthodoxen Zwischenlösung einer privaten Meinungsverschiedenheit, die da lautet: „Ey, Alter, isch weiss, wo dein Haus wohnt!“? Kann ich eigentlich nicht glauben, da ich bislang davon ausgegangen bin, dass dieser Konfliktlösungsversuch den unter Zwanzigjährigen vorbehalten ist.
Ich mein, in einem Land in dem die Blockwartmentalität von null auf hundert zu voller Blüte auferstehen kann, so man sie lässt, müsste doch eine zuverlässige Kontrollinstanz mehr als willkommen sein.
Stichwort Balkon. Ich bin tatsächlich mal aufgefordert worden (lang ist’s her, aber dennoch), meine Balkonbepflanzung doch der meiner Nachbarn anzugleichen. Kann hier doch nicht jeder machen, was er will, war die ebenso schlichte wie überzeugende Begründung. Hab ich auch irgendwie eingesehen. Hätte ich damals Internet gehabt und eine Google Serviceleistung in Anspruch nehmen können, ich hätte doch viel effizienter handeln können. Rasch ein Blick auf die Hausansicht, eine schnelle Analyse der optischen Gesamtsituation, die Lilien gegen ein, zwei Koniferen ausgetauscht, die Geschichte wäre in nullkommanix vom Tisch gewesen!
Oder ein anderes Beispiel: der Apotheker im Vorderhaus hat ein echtes Problem damit, ganztägig zu kontrollieren, wer auf dem Hinterhof unrechtmässig seine Kundenparkplätze blockiert. Weil aber der Verkauf von Inkontinenzwindeln und Iboprophen 400-600 seine volle Präsenz erfordert, kann er ja nicht dauernd selber nach hinten rennen und nachgucken. Welche Erleichterung böte da eine, sagen wir, Aktualisierung von Streetview im Halbstundentakt? Einfach ein Blick auf den PC, den Abschleppdienst rufen, und auch dieses Problem ist zeiteffizient gelöst!
Mir fallen noch hunderte weiterer praktischer Beispiele ein, allein- das würde jetzt den Rahmen sprengen.
Nur soviel sei mir noch als Schlusswort gegönnt: in Norwegen kannst du die Steuererklärung deines Nachbarn per Internetanfrage erfahren, niemanden schert’s. Die scheinen das mit der sozialen Transparenz irgendwie entspannter zu sehen. In Italien kümmert es niemanden, dass du per Google Streetview weisst, welcher japanische Tourist auf der spanischen Treppe mal wieder zum Zahnarzt müsste. Die Italiener sind Schlimmeres gewohnt.
Und in Deutschland wird demnächt erprobt, Kinder von Hartz vier Empfängern per Chip kenntlich zu machen. Wen schert’s? Die wenigsten. Hier wird an alte Traditionen angeknüpft!

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4 Comments

  • Da stimme ich Dir voll und ganz zu. Das musste aber auch mal gesagt werden. Die Geschichte mit dem Apotheker gefällt mir am besten!

  • Claus sagt:

    Unterschreibe ich sofort! Und die Nummer mit den Chipkarten ist der Oberhammer. Aber das kriegen die so nicht durch, das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Oder vielleicht doch?
    Ach ja: Herne! Waaahnsinn!

  • Silke sagt:

    Also ich möchte gerne geführte Touren zu all den verpixelten Gebäuden organisieren. Da sieht man dann in den Vorgärten die Menschen mit Tüten über ihren Köpfen stehen …

  • Ellja sagt:

    Da sagst du mal was! Aber wenn der Tag lang ist, gibts unheimlich viel, worüber Menschen sich aufregen können. Die Google-Streetview-Gegener sind wahrscheinlich alle bei Facebook registriert und geben damit den letzten privaten Sch…. preis, haha.

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