Gracias a la vida!!!

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  • Juni 9, 2011

Heute morgen stand Lauftraining an, ihr erinnert euch? In-und Outdoortraining im täglichen Wechsel. An der Tatsache, dass ich ungeachtet, ob drinnen oder draussen, mein Sportprogramm um spätestens 7.50Uhr beginne, ist nicht das Mindeste bewundernswert. Vielmehr ist es so, dass das, was bis eben 7.50Uhr in meinem Kopf vor sich geht, noch nicht als Denken, geschweige denn kritisches Reflektieren oder sonstige kognitive Zweckentfremdung bezeichnet werden kann.
Ergo bin ich bis zu diesem Zeitpunkt ausserstande, über Sinn und Unsinn meines Tuns nachzudenken. Das ist der ganze Trick! Einfach Klamotten an und los! Mir der Zeitvorgabe ist keineswegs zu spassen, denn fünf Minuten später sieht die Angelegenheit bereits komplett anders aus. Da regen sich plötzlich Widerstände, frag nicht nach Sonnenschein. Und die Kreativität, was das Erfinden von Ausreden (und nichts Anderem!) betrifft, treibt genauso groteske Blüten, wie beim Gros der Menschheit. Also bleibt’s bei: Trainingsbeginn spätestens zehn vor acht.
Zurück zum heutigen Morgen. Irgendwie wollte sich das gewohnte Hochgefühl beim Laufen nicht so richtig einstellen. Die Ampelphasen, die ich anfangs vor der Brust habe, heute alle lästige Hindernisse. Von wegen grüne Welle. Die Jacke, feinster, knallroter Retrozwirn (mit drei weissen Streifen und ordentlich Synthetik) bereits nach 5 Minuten überflüssig, oder doch nicht. Die Beine schwer, die Strecke irgendwie langweilig und wo kommen denn die ganzen Karnickel her, ist ja ekelhaft. Ob man heute mal etwas weniger laufen sollte und auf die Steigung am Schluss mal ausnahmsweise verzichten. Was soll ich sagen, so ging’s eigentlich die ganze Zeit.
Und dann kam der Moment, der einzige und wahre, der Moment, der einen wieder mit dem Universum versöhnt. Der Moment, der es macht, dass du wieder an Belohnung, Gerechtigkeit und eine Macht glaubst, die es einfach nur gut mit dir meint.

Ich habe nämlich die innere Diskussion über die letzte Steigung beendet, bin leichtfüssig wie nie da hoch und was erblicken meine Augen?

Halelujah, meine Lieblingsfeindin, ein Geschenk des Himmels, der Lohn für alle Mühen!
Meine Lieblingsfeindin, die von sich und ihrem Leben seit Jahren derart angepisst ist, dass ihr nichts anderes bleibt, als jeden, der nur etwas weniger als sie frustriert ist, mit ihrer Bosheit zu drangsalieren.
Meine Lieblingsfeindin, die, seit ich sie kenne so tut, als wolle sie etwas gegen ihr Übergewicht unternehmen (und ihr Umfeld damit zu Tode langweilt) obwohl sie weiss, dass 90 Kilo die einzige Möglichkeit sind, sich ihren Mann vonner Pelle zu halten.
Meine Lieblingsfeindin, die sich anmasst, die moralische Instanz der Stadt und des Erdkreises zu sein und jeden, der sich in ihren Augen einer Verfehlung schuldig gemacht hat, zu den Paria zu schicken. Und zwar lebenslang und ohne Hoffnung auf Rehabilitation.
Davon nicht ausgenommen sind selbstverständlich auch jene, die den, zu Paria gewordenen, Unterschlupf gewähren. Und deren Kinder und Kindeskinder, versteht sich (ich weiss, wovon ich rede!).
Dass sie für die Wiedereinführung der Todesstrafe plädiert, muss ich nicht explizit erwähnen, oder?
Sie, die irgendwann beschlossen hat, selbst auf den KgN sozialer Konventionen, den kurzen, knappen Gruß zu verzichten, also im vollem Sportornat bei einer Sportart, die ich noch nicht kenne.
(Maybe Extremelatsching?) Ich in meiner knallroten Jacke (!!!!), dynamischer denn je und nicht zu übersehen. Wir beide auf dem Hochplateau vorm Bismarckturm, weit und breit niemand sonst!
Und dann dieser Sekundenbruchteil, in dem sich unsere Blicke begegneten, what a glorios moment!
Auf meinem MP3 lief irgendwas von Michael Jackson. In ihrem Gesicht lief alles nach unten und ich weiss, sie hätte das elterliche Erbe für ein Erdloch hergegeben. Und dann war er auch schon vorbei, dieser herrliche Moment der Wahrheit, in dem eine Wurst weiss, dass sie eine Wurst ist. Ich hab dann noch ne Ehrenrunde gedreht, quasi, wie n Junkie, der nicht genug von dem guten Stoff kriegen kann, aber weg war se, wie verschluckt. Kann man nix machen.
Liebe X., ich danke dir für diesen einzigartigen Moment. Jetzt weiss ich genau, warum man seine Feinde lieben soll. Ja, genau, ich liebe dich für die gute Laune, die du mir bereitet hast.
Und: wenn du mich auch ein bisschen liebst, könntest du mir bitte so oft wie möglich morgens beim Training über den Weg latschen? Aber du solltest schon genauso scheisse aussehen wie heute, versprochen?
Und weil das Leben sich heute von seiner besten Seite zeigt, schmeiss ich ne Runde!
Es gibt Hühnerschenkel mit Mispeln
Für die Sosse habe ich Staudensellerie, scharfe Peperoni, Knoblauch, Sardellen, Brühe und Weisswein zu den angebratenen Schenkeln gegeben. Die kamen bei 180° in den Backofen, nach 15 Minuten kamen gehackte Petersilienstängel, Mispeln und Champignons dazu.
 
Gracias a la Vida!

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5 Comments

  • Barbara sagt:

    Hah, super!

    Ich glaube auch, dass es so ist, dass manche unverbesserlichen Leute die Lebensaufgabe haben, uns anderen dieses oder anderes beizubringen. Auch wenn es nicht auf direktem Wege ist.

  • Barbara sagt:

    Ach ja – das Gericht finde ich auch interessant – auch wenn ich immer noch nicht weiß, wie Mispeln schmecken (irgendwann werde ich mal welche finden und testen).

  • barbara, sie schmecken fruchtig und leicht säuerlich. spute dich, ich glaub, die haben nicht ewig saison. ich kann mir zum beispiel auch kaninchen gut damit vorstellen!

  • Herrliche Geschichte, meine Liebe! Und ich weiß genau, von was Du redest! Kenne ich alles und ich bin SELBSTVERSTÄNDLICH auch immer die in der roten schnittigen Jacke! 🙂

    Und so´ne Latscherin, die, die ihre Hunde zum Spazierengehen mit dem Auto in die 500 m entfernten Weinberge fährt, habe ich auch. Die ist aber leider nett, taugt also nicht als Motivationshilfe.

  • gell, AT, wir wollen sie weiterhin lieben, denn, um mal in der terminologie zu bleiben: SIE sind das salz in der sportlersuppe, was sag ich, die luxusgewürzmischung…!

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