Kopp ab!

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  • Februar 21, 2010

Täubchensuppe ist für mich ein Stück Kindheit und Ruhrgebiet im besten Sinne (…Ruhrgebiet, nicht die Kindheit). Ich bin in einer Bergarbeitersiedlung aufgewachsen, in einem dieser typischen Zechendoppelhäuser mit ziemlich grossen und gut bewirtschafteten Gärten hinten dran. Der Oppa war Bergmann seit seinem 14ten Lebensjahr und nie woanders als auf Lothringen Schacht 4 in Hiltrop beschäftigt. Er hat’s nie bis zum Steiger geschafft, war kein Freund grosser Worte, hat samstagnachmittags die Bundesliga (hiess das damals schon so?) mit einem förstergrünen Löwe Opta Gerät verfolgt. Der Oppa hatte 3 Monate, nachdem er in Rente war, den ersten Herzinfarkt und meine nachhaltigste Erinnerung an ihn, nachdem ihm die Frau verstorben war, ist der legendäre, traurige Satz abends um neun vor‘ m Fernseher: „allet Mist, ab im Bett“.
Der Oppa hiess Hermann, sein Bruder Willi und beide haben wiederum zwei Schwestern geheiratet, sowas konnte in Hiltrop passieren. Die Schwestern hatten den polnischen Nachnamen, der auf deutsch in etwa “ das Zwiebelchen“ bedeutete. Beide Brüder waren überzeugte Sozialdemokraten und dürften angesichts der politischen Entwicklungen der letzten ( ich weiss nicht, wieviele) Jahre aus dem Imgrabrumdrehen nicht mehr rausgekommen sein, ist aber nur ’ne persönliche Vermutung meinerseits…
Der Oppa war klein, muskulös und hat zuhause immer nur weisse Doppelrippunterhemden mit Hosenträgern drüber getragen (haha, ’ne Hose natürlich auch!). Wenn er auf den Taubenschlag gegangen ist- jetzt kommen wir langsam zum Thema- hat er sich einen grauen Kittel übergezogen, heute würde man sagen: so’n Hausmeistrekrauseteil. Der Oppa hat Tauben gezüchtet und „geschickt“. Man muss sich das so vorstellen: ungefähr zehn von den Vögeln samstags um halb zwei ab im Korb, Korb auffet Mopped und Oppa ab nach Gerthe nache Vereinskneipe. Da wurden die Hoffnungsträger dann in einen Bus verfrachtet, der ein bisschen so aussah wie die, in denen heute Strafgefangene von A nach B gekarrt werden. Dann ging’s für’s Federvieh ab inne Knüste, noch ’ne Mütze Schlaf und am nächsten Morgen: wer zuerst zu hause ist, hat gewonnen! Oppas Wochenende war davon bestimmt: samstachs losschicken, sonntach morgen auf’m „Schlach“ sitzen und „komm Hans, komm!“ rufen, jeder Taubenvatta hatte seinen eigenen Pfeiffton dafür. Ich hab mich nur selten die steile Treppe zum Dachboden raufgetraut, weiss aber, dass da oben die Luft im Sommer stickig war, Taubenscheisse nicht nach Parfüm riecht und die Geräuschtapete, die dreissig bis vierzig Tauben verursachen, auch nicht von Pappe ist (von wegen friedlich mit Ölzweig im Schnabel und so’n Gedöns…)
Sozialistisches Gedankengut und Gesetzmässigkeiten der Leistungsgesellschaft waren für den Oppa kein Widerspruch, dat Leben is‘ kein Ponyhof, schon gar nich‘ auf‘ m Taubenschlach! Hiess also, und hier kommen wir zum Wesentlichen: wer keine Preise mehr fliegt, hat das Recht auf Maisfutter und Leben verwirkt, Gnadenbrot: Fremdwort!
Oppas lakonischer Kommentar “ Kopp ab!“ (mit Fingerzeig auf den unglücklichen Delinquenten begleitet) war ergo in regelmässigen Abständen die Ankündigung für Täubchensuppe (für Taubenbrust an Barolo Jus o.ä. war einfach noch nicht die Zeit, glaub‘ ich…). Dummerweise hatte ich das Pech, zweimal bei so einer Hinrichtung Zeuge zu sein, was den Oppa in meiner kindlichen Grausamkeitsskala ungefähr in die Nähe Attilas, der Hunnen König, beförderte.
Das Ganze hat genauso regelmässig den Verdruss des weiblichen Teils meiner Erziehungsberechtigten (die Tochter von Herrman, dem Taubenschlächter) hervorgerufen, war sie doch diejenige, die die Viecher ohne Umschweife rupfen musste. (Wenigstens Taubensuppe hast du nicht versaubeutelt!)
Was soll ich sagen, gestern hab‘ ich Täubchensuppe aus drei Karkassen gekocht, dabei heftig an den Oppa gedacht, ’n paar Tränchen kullern lassen, weil, er hattet auch nich‘ leicht gehabt und so. Und Danke für die Cola-Kracher! Die Suppe hat nicht so geschmeckt wie damals. Schon irgendwie gut, aber eben anders…
Tauben hab‘ ich nicht gefunden, deswegen hier diese beiden Kollegen:

P.s. vielleicht schreib ich ja noch mal darüber, wie der Oppa sich am Küchentisch rasierte oder nach der Nachtschicht Bratheringe mit Rührei gegessen hat…

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9 Comments

  • Vieles davon kommt mir sehr bekannt vor. Ich habe sogar noch die Taubenuhr (heißt die so?).

  • Geniesser sagt:

    Ich hatte zwar keinen Oppa inne Kolonie mit Tauben (nur einen, der auf Winnetou stand), aber dafür einen Onkel Karl in Österreich am schönen Wörthersee mit Hühnern. Der hatte das mit dem „Kopp ab“ auch drauf. Da gabs in den Ferien oft Hühnersuppe. Und mein Cousin Heinzi hatte ganz voodoomäßig einen Hühnerfuß im Teller, fischte ihn raus und zog an den Sehnen, dass sich die Krallen zusammenzogen. Wie da die Cousinen kreischend reißaus nahmen…

  • Perik O'Loso sagt:

    Die Blogs werden immer literarischer. Heimatliteratur! Würde ein Geringerer das schreiben, wird es (häufig) Nostalgiegedöns, so aber ist es ein Brückenschlag von Dammals na Heute. Macht total Spass zu lesen. Sammelt mal die besten Stories fürn Buch. Respect.

  • Claus sagt:

    Mein Opa hat die Tauben-Nummer mit Karnickel abgezogen, da flogen erst die Fetzen, und Aale abziehen an so nem Haken in der Garage. Hannibal Lecter ist´n Mönch dagegen.
    Und wie ist das mit dem Taubenrennen dann ausgegangen, haben die die Zeiten notiert und dann in der Kneipe verglichen, oder wie?

  • die hatten geeichte uhren, eben jene taubenuhren, mit der der eingang der vögel festgehalten wurde. und dann wie gehabt: oppa und uhr auffet mopped und ab inne kneipe..

  • Claus sagt:

    ja, und dann? Der Sieger hatte dann frei Saufen, oder wat? Hamse in „Rote Erde“ nicht gezeigt.

  • @ Claus: Nee, der hat ’nen Pokal gekriegt und musste einen ausgeben!

  • Sehr schöne Geschichte. Bei uns waren leider keine Taubenzüchter in der näheren Verwandtschaft, daher konnte ich zuletzt recht unbefangen an des Vogels Kragen gehen.

  • ThorstenXXXL sagt:

    Sehr schön geschrieben….hab sogar noch die ganzen Pokale…. (vor der Aschentonne gerettet)
    Kann mich noch erinnern,das ich am Küchentisch saß ,malte und draußen flogen die Taubenfedern am Fenster hoch.
    Zwei Stunden später gab es dann Taubensuppe 😀

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