+/-Null Kleiner runder Tisch über das Ding mit dem Vinyl

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  • August 20, 2010

Angestoßen von DPlay trafen sich in der Essener 2Bar (auch bekannt als Lieblingswasserloch der Mild Pitch Crew) Guy Dermocessian, Bochumer Funkloch-Macher und House-DJ extraordinaire (GD), Dirk Gottwald alias DPlay (DP) und ich selbst zu einem Gespräch. Leider hielt das Aufnahmegerät nicht die kompletten ca 2 Stunden durch, aber lest selbst:

RO Dirk, wie siehst du die aktuelle Vinylsituation?
DP Ich hab das Gefühl, dass viele Leute, die noch Vinyl kaufen, vielleicht gar nicht wissen, welche Anstrengungen man machen muss, um dieses Produkt noch auf den Markt bringen zu können. Es gibt jetzt wahrscheinlich 10 Sachen, mit denen ich anfangen könnte. Ich glaube, dass Vinyl überleben wird, aber dass man die Kosten so senken muss, so dass das Endprodukt auf eine gewisse Art darunter leidet. Wenn ich die Produktionskosten habe – und da spielen ja mehrere Faktoren ‚ne Rolle, wie z.B. Mastering, Artwork u.a., da denke ich, dass aus meiner Sicht in Zukunft auf gewisse Sachen verzichtet werden muss, um das Produkt auf den Markt bringen zu können, um sagen zu können: ich bin jetzt Plus/Minus 0.
RO Aber wenn du jetzt z.B. auf das Artwork verzichtest, worin unterscheidet sich dann noch das Vinyl vom mp3? Klar hast du die Haptik beim Auflegen, und es sieht cooler aus…
DP Ob’s cooler aussieht, das gehört vielleicht auch ein Stückchen dazu, aber ich denke an das Mastering, das für einen Club, speziell für Vinyl ganz anders ist, als das für einen Digital-Release. Klar mache ich für Vinyl ein Mastering, das sehr teuer ist, worauf wir bei Mild Pitch auch viel wert legen, weil es – neben der Musik natürlich – total wichtig ist für den Sound, aber es ist schon verdammt teuer.
RO Wo lasst ihr mastern?
DP Bei Dubplates & Mastering in Berlin. Das kostet schon so zwischen 300 und 400 Euro, aber da ist dann auch die Musterplatte halt dabei. Aber wenn wir drauf verzichten würden, würde den Nerds, die eben die Vinylkäufer sind, die gewisse Qualität dann auch fehlen.
RO Das würde doch einfach viel schlechter klingen, im Club.
DP Ja, und das wär entsprechend schlecht für’s Label.
GD Wir haben ja alle Platten, die schlecht gemastert oder praktisch ungemastert sind. Also die ganzen „Ugly Edits“ z.B., die sind definitiv nicht gut gemastert. Da sind 4 Tracks drauf, jeder hat ne andere Lautstärke…
DP Kommt drauf an, welche du kaufst, die originalen, damals verdammt teuren Originale von Theo Parrish oder die englischen Bootlegs. Also, als die damals rauskamen, haben die, glaube ich, 20 oder 25 Euro gekostet, das war verdammt teuer.
….(es entspinnt sich eine längere Diskussion darüber, wer wann welche Ugly Edits in welcher Farbe etc gekauft hat)…
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kleine Unterbrechung / Neranstaltungshinweis

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GD Bestes Beispiel für mich ist die Omar S „Night And Day“, die eine Seite ist total voll und die andere ist so…mal schnell gemacht. Das akzeptieren wir und nehmen es als „rau“ wahr.
DP Das ist auch so’n Punkt, wo man sagt, das ist was Spezielles und so.
RO Aber vielleicht muss man dafür auch schwarz sein und möglichst aus Michigan kommen…
GD Aber dieses Streben nach Perfektion lässt meiner Meinung nach den Unterschied zwischen Vinyl und mp3 immer kleiner werden, weil alles digital und auf digital getrimmt wird, so dass diese Unterschiede nach und nach verschwinden, dieses Dreckige, was man gesucht hat. Die Vinylherstellung ist nun mal immer noch ein mechanischer Prozess, und da gibt es Toleranzen, die letztendlich jede Platte, egal wie sereinmässig die hergestellt wird, einzigartig werden lässt.
DP Ja. Beim Mastering ist es ja z.B. so, wenn du einen guten Mastering Typen hast, der geht ja speziell auf dich ein. Du kannst ja nach Berlin fahren und dich daneben setzen. Wir finden schon, dass das Mastering manchen Track noch mal so richtig nach vorne gebracht hat. Also ich könnte eher auf das Artwork verzichten als auf’s Mastering. Andererseits hat das Vinyl auch immer ausgezeichnet, dass es ein Artwork hat.
RO Aber doch eher im Indiebereich, nicht unbedingt bei Club-Vinyl.
GD Im Clubbereich verschwindet ja auch der Unterschied zwischen Single, EP und LP langsam, ich meine du kaufst ja nie ne 4-Track EP, weil’s alles Hits sind, sondern du kaufst das Ding wegen einem Track. Vinyl ist für mich kein perfektes Medium, war’s noch nie. Deshalb verstehe ich auch teilweise dieses Streben danach nicht. Der Künstler kann doch auch auf digitale Releases nicht mehr verzichten. Die Kohle, die dadurch reinfliesst übertrifft in vielen Fällen die Kohle bei Vinyverkäufen.
DP Man merkt schon, dass bei einer gut laufenden Platte auch die Digitaleinnahmen gut sind.
RO Macht ihr denn verschiedene Masterings für digital und Vinyl?
DP Nein. Wir verwenden das Vinylmastering auch für den Digitalrelease. Das würde sonst die Kosten sprengen. Es gibt aber Labels , die das machen, andere geben’s einfach roh ab. Wir kommen an einen Punkt , denke ich, wo man demnächst auf gewisse Sachen verzichten muss, um das Produkt Vinyl überhaupt auf den Markt bringen zu können. Ich rede ja jetzt nur von Kosten, die definitiv gemacht werden müssen. Da gehört ja noch viel mehr dazu, die ganze Zeit, die man vor’m Rechner sitzt und Promotion macht, die kriegt man ja nicht bezahlt. Promotion ist ein wichtiger Punkt, um das Produkt überhaupt an den Start bringen zu können. In der Flut von digitalen Promos ist die Gefahr groß, dass es einfach untergeht, wenn man keinen direkten Draht zu irgendwelchen Künstlern hat. Ganz ehrlich: ich kriege soviel Promos, die ich mir gar nicht anhören kann, weil’s einfach too much ist.
GD Da ist der Unterschied in der Wertigkeit. Damals, als die labels das noch gemacht haben, tatsächlich so viele Vinylpromos rauszuschicken, da hattest du ne andere Wertigkeit. Du hast was gekriegt, hast dich frauf gefreut, hattest irgendwas, was andere erst in 5, 6, 7 Monaten kriegen werden und du hast das Ding geliebt. Und jetzt, wenn ich in meinem E-mail Posteingang ne Mail hab von „X“, hier haste so’n Ding über irgend so ne Platform, lad dir’s runter und kommentier das mal – ich hör’s mir nicht mal an!
RO Kommt aber darauf an, von wem du das bekommst, oder?
GD Klar, aber…Ich mein, den Leuten fällt’s doch heute auch viel einfacher, das rumzuschicken, anstatt dass sie sich damit auseinandersetzen müssen und denken, gut, isses das jetzt wert? Früher gab’s sogar diese Testpressings, wo vielleicht 200 Platten rausgeschickt wurden. Kann das was? Ja, kann was – dann machen wir halt 800 Pressungen.
RO Früher waren’s eben keine 800, sondern 2500.
GD Es gab halt diese Testpressings, von wegen ‚gut, dann geben wir halt ein bisschen Geld aus, wir gucken, wie das läuft, dann kriegen wir halt Feedback.’ Wenn ich von dir ne Platte in die Hand gedrückt bekomme, dann nehme ich sie mir mehr zu Herzen als wenn du mir so’n mp3 schickst.
DP Das Problem aus der Labelsicht: man kann so was über Vertriebe halt machen. Nur der Effekt der dabei raus kommt, dadurch dass die bemusterten DJs relativ große DJs sind und davon vielleicht noch 5% Vinyl spielen, und halt 5% dann auch nur Feedback geben, da stehen die Kosten in keinem Verhältnis. Beim ersten Release haben wir vielleicht 60 Promos gemacht. Irgendwann ist es halt so, dass du, um in die richtigen Kanäle für die Platte zu kommen, selber bemustern musst und entsprechend auch selber die Kosten hast. Ihr wisst selber, wie teuer es ist, ein Vinyl zu verschicken.
*Klack!*
Hier bricht die Aufzeichnung leider ab, was sehr schade ist, kam doch kurze Zeit darauf mit Langenberg noch ein weiteres Drittel von Mild Pitch dazu. Wir sprachen sicher noch eine Stunde über viele Themen rund um’s Label- und Partymachen, über die Schwierigkeit, vernünftig zu bemustern, über Labelabende in angesagten Clubs und tausend andere Sachen, die mehr oder weniger eng mit dem Labelmachen verbunden sind.

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3 Comments

  • Schön, nur schade, dass das Gerät abgeschmiert ist. Aber nur noch 5 % spielen Vinyl? Hmm…ich selber kaufe zwar immer noch auch ein gerüttelt Maß Vinyl, aber lege selber seit 2 Jahren mit Ableton auf und habe eher das umgekehrte Gefühl, dass es nur wenige auch digital tun. Vielleicht weil es eher „kleine“ DJs sind? Ich habe auf jeden Fall den Eindruck, dass der Vinyl-DJ immer noch in der Mehrheit ist oder ich treffe da sone „komische“ Auswahl bei Bookings und eigenen Partybesuchen.

  • Guy sagt:

    du treibst Dich auf jeden Fall mit den richtigen Leuten rum 🙂

  • Mehercules sagt:

    Ein Gespräch, das mich als Vinylliebhaber mal wieder sehr melancholisch stimmt. Buy it, play it, save it!

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