Tomatenspaghetti

  • 3
  • August 23, 2014

Bis zum doch recht fortgeschrittenen Alter von, sagen wir sechs oder sieben Jahren wusste ich zwar, dass es „Spaghetti mit Tomatensosse“ irgendwo in diesem Universum geben musste, in meinem speziellen Sozialisationskosmos jedoch kamen sie unter Garantie nicht vor.
Zuverlässig wie das Amen in der Kirche am Sonntag gab es in der Regel montags die einzig gültige Interpretation eines Nudelgerichtes: „Spirelli“ mit den gestreckten Bratensossenresten vom Vortag, Punkt.
Gemahnte die sonntägliche Bratensosse bereits an das Fernbleiben von Gott, war die gestreckte Variante mit klitschigen Nudeln am Montag das erste kosmische Loch der Woche, versteht sich.
Aber Gott ist bekanntlich mitunter groß und seine Wege sollten unsere aufgeschlossene kleine Leidensgemeinschaft Anfang der Siebziger zum Urlaub gen Italien lenken.
Um das Gastgeberland in seinen Gastgeberpflichten ein wenig zu entlasten, reiste man mit ausreichend Vorräten in Form von Konserven, Tütensuppen, Kaffee, Klopapier und ähnlichem an.
Das bot für einen dreiwöchigen Italienaufenthalt Autonomie und die Sicherheit, im geringstmöglichen Maße auf italienische Gastfreundschaft angewiesen zu sein.
Aber Gott ist bekanntlich mitunter auch ein Schlitzohr.
Und damit selbst die ignorantesten Idioten nicht komplett ohne Direktkontakt mit Einheimischen (Tankstellenbesitzer an dieser Stelle mal ausgenommen) auskommen, hat er den Brennerpass erfunden. Wenn man da drüber war, musste man nämlich ne Pause einlegen, ob man wollte oder nicht!
Man war drüber! Der Fahrer wegen grenzenloser Selbstüberschätzung seiner Kräfte, die Kinder wegen akuter, langanhaltender Platznot (der Kofferraum war mit Lebensmitteln aus der Heimat gefüllt, demzufolge war alles übrige Gepäck im Fußraum der Kinder gestaut!), alle weiteren Personen wegen der Erkenntnis, dass dieser Horrortrip noch drei Wochen minus anderthalb Tage andauern würde.
Das alles hatte Gott wohl gewusst und deshalb nicht nur den Brenner, sondern auch einen kleinen Gasthof hinter dem Pass installiert, sowas wie Supermärkte und Tankstellen mit Bistros hat er für’s erste mal weggelassen.
Und so kam es, dass unsere weltoffene Leidensgemeinschaft, wenn auch widerwillig, in eben diesen Gasthof einkehrte, um wieder zu Kräften zu kommen.
Kommen wir zum Punkt. Genau da habe ich zum ersten mal in meinem Leben „Spaghetti mit Tomatensosse“ gegessen! Ich war überwältigt, ich war glücklich, ich glaubte an eine höhere Macht und ich war klug genug, mein Glück für mich zu behalten. Allzuviel Enthusiasmus für fremde Küchen hätte leicht zu empfindlichen Sanktionen führen können und in diesem Fall wäre selbst Gott machtlos gewesen.
Was soll ich sagen? Diese Spaghetti habe ich nie vergessen, wirklich nie!
Ein Teil meiner Faszination war sicherlich das Geschmackserlebnis jenseits dessen, was ich aus meinem Sozialisationskosmos gewohnt war. Ich denke aber auch, dass in dieser Zeit und an diesem Ort tatsächlich eine ehrliche, einfache und gute Pasta mit Tomatensosse serviert wurde.
Wie auch immer, diese grosse Erinnerung ist geblieben.
Ich spar mir jetzt einen wortreichen Exkurs über die (leider wenigen) Kindertage, an denen es Miracoli gab und ich mich für kurze Momente von den Strapazen der Sozialisationskosmos- Küche erholen konnte.
Über die unzähligen, trickreichen Versuche, die beste Tomatensosse aller Zeiten zu kreieren werde ich hier jetzt auch nicht viele Worte machen. Manchmal ist mir was ganz besonderes gelungen und manchmal war’s eben nur ne Tomatensosse, wie’s halt so läuft in der Küche.
Vor ein paar Wochen bin ich dann über diesen Link gestolpert.
So bin ich noch nie an die Sache rangegangen, so simpel, so pur, so reduziert!
Und weil ich seit ein paar Wochen immer einen grosszügigen Tomatenvorrat von dem hier im Haus hab, bin ich zur einfachen Tat geschritten.
Das Ergebnis ist umwerfend, glaub mir ganz einfach! Der pure Geschmack von warmen Tomaten, irgendwo ein ganz leichter Hauch der Kräuter, keine Rolle Rückwärts, kein Schnickschnack, nur das Nötigste.
Versteht sich von selbst, dass du die Nummer nicht mit dem „Tasty Tom“-Stoff vom Discounter bringen kannst, gelle!?
Und gezz hau rein, bevor der Sommer die Grätsche macht!
10565950_815780361775776_579890627_n

About susanne Marik

4 Comments

Leave a Reply

Your email address will not be published.

Current ye@r *